Patrick Schnieder

Der CDU-Generalsekretär RLP, Patrick Schnieder MdB, zum Thema ‚Sterbehilfe‘.

Die Vorstellung, in einer Gesellschaft zu leben, in der wie selbstverständlich und mit gesetzlicher Grundlage der Suizid geplant und unter Mithilfe umgesetzt wird, erschrickt mich. Es erschrickt mich, dass Menschen lieber um Unterstützung beim Sterben bitten als um Unterstützung beim Leben. Was sagt das über uns aus, wenn diese Bitte ohne weiteres umgesetzt wird? Sind wir eine Gesellschaft, der die Schwachen, Kranken und lebensmüden Menschen gleichgültig sind? An denen sich mitunter noch verdienen lässt?
In Deutschland sind weder Suizid noch die Beihilfe zum Suizid strafbar. Seit einiger Zeit ist ein Anstieg an Vereinen und Geschäftsmodellen zu verzeichnen, die mit der Selbsttötung eines Menschen mitunter sogar Geld verdienen. Sterbewillige werden bei der Organisation des eigenen Ablebens unterstützt. Das heißt, man organisiert ihnen entsprechende, tödliche Cocktails und mitunter auch die Räumlichkeiten, in denen der Suizid vollzogen wird. Nach derzeitiger Rechtslage ist das nicht strafbar.

Welche gesellschaftliche Dimension kann aber eine solches Handeln annehmen? Sind wir nicht als Gemeinschaft dazu aufgerufen, andere Antworten auf den Todeswunsch eines Menschen zu finden?

Individualität und Autonomie gelten vielen Menschen unserer Zeit als die höchsten Güter. Sie möchten auch über ihr Sterben autonom entscheiden und dabei das Recht auf medizinische Begleitung des eigenen Ablebens haben. Dahinter steht die Vorstellung, dass mit einem gebrechlichen Körper oder abnehmender geistiger Fähigkeit, kein lebenswertes Leben mehr möglich sei. Eine Aussage, die zwar individuell begründet wird, aber doch mehr Aussagen über die Gesellschaft preisgibt, in der jemand lebt, als über den Betroffenen selbst.

Suizidbeihilfe widerspricht dem hippokratische Eid, den jeder Arzt ableistet, und sie widerspricht auch dem Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern. Die Aufgabe des Staates ist es zu allererst, das Leben seiner Bürger zu schützen. Diese Aufgabe steht weit über der individuellen Autonomie des Bürgers und kann deshalb auch bedeuten, dass ein Leben entgegen des eigenen Willens geschützt werden muss.

Ohne eine gesetzliche Regelung und ohne ein Verbot der organisierten Sterbehilfe, sind Menschen, die sich – aus den unterschiedlichsten Gründen – nach dem eigenen Tod sehnen, auf willkürliche Akteure und deren Moralvorstellungen angewiesen. Doch auch wenn man die Sterbehilfe in Deutschland zulassen wollte, müsste man weitere Entscheidungen treffen. Es stellen sich beispielsweise zahlreiche organisatorische Frage: Soll sich jeder der Beihilfe zum Suizid bedienen können, wenn er seines Lebens überdrüssig ist? Sollen nur Schwerkranke, unter Schmerzen Leidende und polymorbide Senioren von der Beihilfe Gebrauch machen dürfen? Soll es eine Altersgrenze geben? Sollen Entscheidungen zur Selbsttötung durch eine Kommission geprüft und für akzeptabel erklärt werden?

Wollen wir uns wirklich auf diese Weise mit dem Lebensende unserer Mitmenschen befassen?

Für mich stehen andere Möglichkeiten im Vordergrund. Statt Sterbehilfe zu etablieren sollten wir die Sterbebegleitung stärker fördern. Kein Mensch hat es verdient, am Ende seines Lebens allein mit einer Giftkapsel in einem Zimmer vom Leben Abschied zu nehmen. Wir verfügen über genügend medizinische Möglichkeiten, Schmerzen am Lebensende zu lindern und die Sterbenden und ihre Angehörigen während der schweren Zeit auch psychologisch zu begleiten. Das wichtigste aber ist, dass der sterbende Mensch durch die Personen in seiner Umgebung, durch medizinisches Personal, durch Freunde und Verwandte auf seinem Weg begleitet wird. Es spendet Trost und Zuversicht, wenn Krankheit anderen Menschen keinen Anlass zur Abwendung gibt, wenn sie trotz der eigenen Gebrechlichkeit da sind. Sterbenmüssen und Sterbensehen gehören zum Leben dazu und beide Elemente lassen sich nicht wegrationalisieren.

Unsere Gesellschaft wird in den kommenden Jahren immer älter. Statistiken zeigen, dass ältere Menschen häufiger Suizid begehen, als Personen andere Altersgruppen. Legalisieren wir die organisierte Sterbehilfe, wird die Zahl der Suizide steigen. Davon bin ich überzeugt. Legalisieren wir die Sterbehilfe, wird Selbstmord zum selbstverständlichen Ereignis, werden Menschen gegen den Wert eines „Lebens bis zum Ende“ ignorant. Wer kann garantieren, dass ältere Mitbürger in schwierigen Lebenslagen nicht zum letzten Mittel greifen? Ist die Möglichkeit zur Beihilfe zum Suizid vorhanden, steigt auch der Druck auf jeden Einzelnen, bis zum Lebensende selbstständig und finanziell unabhängig zu sein. Denn niemand belastet gerne seine Familie, weder finanziell noch durch pflegerische Aufgaben. Zudem gibt es zahlreiche kinderlose Menschen. Gebrechlichkeit, Einsamkeit und sozialer Abstieg lösen Depressionen aus, die mitunter zum Todeswunsch führen. Die Aufgabe vor der wir stehen ist, diesen Problemen mit Antworten zu begegnen. Die Antwort kann aber keinesfalls sein, dass uns das Schicksal unserer Mitmenschen gleichgültig ist.

Zudem birgt die Legalisierung der Sterbehilfe eine weitere Gefahr. Ich zitiere Prof. Giovanni Maio: „Vollkommen verkannt wird hier, dass sich hinter der breiten Zustimmung zum assistierten Suizid und zur aktiven Sterbehilfe nicht weniger verbirgt als eine verdeckte Tendenz zur totalen Abwertung verzichtvollen Lebens, eine Tendenz zur Geringschätzung allen unheilbar kranken Lebens, eine Tendenz zur vermeintlich freiwilligen Abschaffung allen gebrechlichen Lebens.“

Pflege im Alter, das Aufzeigen neuer Perspektiven, die Unterstützung in depressiven Phasen, das Lindern von Schmerzen und Sterbebegleitung, das sind die Aufgaben, die wir als Gesellschaft gegenüber schwächeren Mitgliedern haben. Nicht deren organisierte Selbsttötungen. Im Beistand, während Krankheit, Leid und mit Blick auf den Tod, liegt der große Wert der Menschlichkeit.

Der Text ist erschienen in Paulinus – Wochenzeitung im Bistum Trier (Ausgabe 5 / 2.Februar 2014)


Internet 2.0
Dieser Artikel soll in die Sozialen Netzwerke? Gerne! Allerdings nur unter Beachtung des Mottos "2 Klicks für mehr Datenschutz"